http://www.badragaz.ch/de/portrait/geschichte/welcome.php?action=showinfo&info_id=6698
16.09.2019 05:00:01


vorhergehendes Ereignis | nächstes Ereignis

Vom Eislieferant bis zur Oase - Geschichte des Giessenparks

1902 - 2002

"Drüben liegt der Giessenpark mit seinen vielen Waldwegen und auf dessen grün schimmernder Wasserfläche ein Schwanenpaar dahingleitet - majestätisch und elegant." Mit diesem Satz beschrieb Redaktor Fritz Lende den Giessenpark in Bad Ragaz. Neben der Taminaschlucht ist diese Naturidylle bestimmt das beliebteste Ausflugsziel in unserem Kurort. Wir möchten der Frage nachgehen, wie diese herrliche Parklandschaft entstand.

In den Giessen
Mit Vertrag vom 13. März 1902 verpachtete die Ortsgemeinde Bad Ragaz dem Kur- und Verkehrsverein (KVV) in den Giessen ein Stück Ried- und Waldboden. Die Pachtdauer wurde auf fünfzehn Jahre, der Jahreszins auf 500 Franken festgelegt. Der Ortsverwaltungsrat verpflichtete sich zur Gratislieferung von Kies und Sand und zur gehörigen Instandstellung der Wege auf Beginn der Kursaison von Mitte März. Die Gestaltung und Pflege war weitgehend der Initiative des damaligen Aktuars des KVV Wilhelm Wirth zu verdanken.

Die Stechmückenplage
Am 29. Februar 1904 wurde das Giessenprojekt im "Oberländer Anzeiger" erläutert. Landschaftsgärtner Mertens in Zürich hatte den Grundplan erstellt. Es wurde eine Expertise eingeholt, welchen Einfluss der neue See auf die Stechmückenplage haben werde. Das umfangreiche Gutachten kam zum Schluss, dass die Realisierung des Vorhabens der Verminderung der Mückenplage nur förderlich sein werde. Ingenieur Wey von der Rheinbauleitung hatte die Bedenken, dass der See nicht wasserdicht sein werde, zu zerstreuen.

von ausschlaggebender Wichtigkeit für das Zustandekommen des ganzen Werkes war die Finanzfrage. Dank der Einführung eines Kurtaxenreglements und eines revidierten Vertrages mit den Herren Gebrüder Simon von den Bad- und Kuranstalten sollte es dem Kurverein möglich sein, die notwendigen Kapitalanleihe von 35'000 Franken zu verzinsen und in zwölf Jahren zu amortisieren. Es gab Stimmen im Kurverein, die es schade fanden, so viel Geld in ein blosses Pachtobjekt zu stecken. Der Ortsverwaltungsrat war einem Verkauf des Areals nicht abgeneigt. Ingenieur Wey von der Rheinbauleitung, der ehemaligen Besitzerin der Giessen, schätzte das Gebiet au 6'830 Franken.

Kauf oder Pacht
Der KVV beauftragte zwei unparteiische, aber mit Land und Verhältnissen vertraute Männer mit der Taxation des Giessenareals: Ingenieur Kilchmann, St. Gallen und "Schlüssel"-Wirt Bernold, Mels. Diese Schätzungskommission kam auf eine Summe von 20'000 Franken, inklusive Föhren- und Erlenwald. Schliesslich diene das Kaufobjekt einem gemeinnützigen und öffentlichen Zweck. Es kam zu keiner Handänderung. Die Ortsgemeinde ist bis heute Besitzerin dieses prächtigen Fleckens Erde. Um möglichst die Einheimischen zu berücksichtigen, wurde der ganze Auftrag an die bewährte Firma Bürer und Eisenhut in Ragaz vergeben.

Baubeginn war der 15. September 1904. 1919 wurde der zweite Pachtvertrag zwischen der Ortsgemeinde und dem Kur- und Verkehrsverein abgeschlossen. Die wesentlichen Änderungen waren: Der Kurverein darf im Winter auf dem See eine Eisbahn einrichten, sofern dadurch die Eisgewinnung nicht behindert wird. Aus diesem Grund bleibt die Regulierung des Seewasserstandes im Winter Sache der Ortsgemeinde. Für Beschädigungen durch die Nutzung von Holz, Streue und Eis wird die Ortsgemeinde schadenersatzpflichtig. Der KVV seinerseits muss für das Erstellen neuer Wege die Einwilligung des Verpächters einholen. Er darf Aushubmaterial aus dem See und Kanälen auf Ortsgemeindegebiet ablagern.

Der Vertrag von 1929
Der dritte Vertrag wird nur noch auf die Dauer von 5 Jahren abgeschlossen. Es wird schriftlich paraphiert, dass bei Arbeitsvergaben für Aushub- oder Rodungsarbeiten - bei gleicher Eignung und gleichen Bedingungen - in erster Linie die Bürger der Ortsgemeinde zu berücksichtigen sind. Alle Strassen, Wege und Zugänge werden unter polizeilichen Schutz gestellt. Der KVV muss für ein Fahrverbot für Motorfahrzeuge besorgt sein.

Die Schlussparagraphen lauten in der Folge bei allen Verträgen ähnlich:

  • Wird der Vertrag nicht sechs Monate vor Ablauf gekündigt, so bleibt er für weitere fünf Jahre in Kraft.
  • Sollte nach einer Kündigung kein neuer Vertrag zustande kommen, so gehen sämtliche Anlagen ohne Entschädigung in das Eigentum der Ortsgemeinde über.

Ausbaggerungen des Giessensees
In den Jahren 1960 und 1980 musste der Seegrund von jeweils ca. 4'000 Kubikmeter Schlamm befreit werden. Das letzte Mal wurde der Auftrag an die Rheinbauleitung vergeben. Mittels Saugbagger und Rohrleitung wurde das Aushubmaterial in den Neugütern deponiert. Zwei Drittel stammten aus der Fluppebachmündung, ein Drittel aus dem Einlauf des Föhrenwaldkanals. Die Gesamtkosten von 70'812 Franken konnten vollumfänglich aus dem Giessenparkfonds des KVV gedeckt werden. Dass Ausbaggern des Föhrenwaldkanals kostete weitere 11'500 Franken. Zwischen der Thermalbäder und Grandhotels AG und dem Kurverein konnte ein Abkommen getroffen werden, welches den Zulauf des Quellwassers von den Jerellien in den Giessensee regelt. Damit wird die obere Seebucht während des ganzen Jahres mit Frischwasser versorgt.

Wasserzufuhr von der Tamina
Die weitaus grössere Verbesserungsmassnahme galt der Wasserzufuhr von der Tamina her. Die Politische Gemeinde übernahm die Federführung bei den Verhandlungen mit den Kraftwerken Sarganserland AG. Das Ergebnis war der Bau einer automatischen Schleusenanlage durch das Ingenieurbüro Spengler und Thut AG. Bau und Unterhalt der Wasserzufuhr von der Tamina her wurden am 15. September 1982 in einer Vereinbarung zwischen der Ortsgemeinde, dem KVV und der Politischen Gemeinde Bad Ragaz geregelt.

Waldlehrpfad im Giessenpark
1976 entstand auf Initiative des Ortsverwaltungsrates der erste Waldlehrpfad im Sarganserland. Unter Leitung von Revierförster Abraham Widrig führte die Werkgruppe der Ortsgemeinde die Arbeiten aus. Schülern und Erwachsenen wird die Möglichkeit geboten, bis zu 100 verschiedene Bäume und Sträucher kennen zu lernen. Entlang dem 800 Meter langen Pfad stecken bei verschiedenen Bäumen kleine Nummern in der Erde. Für den in Naturkunde Bewanderten bedeutet der Nummernschlüssel eine Lernkontrolle, für den unbeschwerten Spaziergänger eine Gedächtnisstütze. Entlang dem Seeufer wurden Bäume mit Holztafeln bezeichnet, um so das Verständnis für die Natur zu fördern.

Quelle
Ragazetta spezial 1 / Oktober 2002

Die Eisgewinnung für die Brauereien in Wädenswil und Zürich wurde bis 1965 betrieben:

Aus dem Giessensee wurrde bis 1965 Eis für die Brauereien in Wädenswil und Zürich gewonnen
 

zur Übersicht