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Geschichte und Schicksal der Englischen Kirche Bad Ragaz

1906 - 1972

Gründer des Kurortes Bad Ragaz ist bekanntlich Bernhard Simon-Schugart, geboren 1816 und gestorben am 28. Juli 1900 in Bad Ragaz. Die Simon's hatten 7 Kinder; vier Töchter und die drei Söhne: Fridolin (1846 - 1935), Bernhard (1852 - 1917) und Wilhelm (1857 - 1928).

Die Englische Kirche wurde im Jahre 1906 von den Gebrüdern  Simon erbaut. Das Gelände dazu hatten sie am 16. Januar 1897 von J. Gomer's Erben käuflich erworben. Der Bau kostete Fr. 73'430.- und geweiht wurde die Kirche "St. Michael und allen Engeln". Erster und jahrelanger Sakristan war Sattlermeister Zingg.

Auf der Parzelle der Englischen Kirche befand sich bis 1896 das Restaurant "Zum Nussbaum" mit einem Bayerischen Biergarten und einer Kegelbahn.

Grosszügiges Geschenk
Mit Schenkungsakt vom 5. Februar 1910 übertrugen die Gebrüder Simon die Kirche samt Umschwung an die "Society for the Propagation of the Gospel in Foreign Parts", London, zu deutsch  "Gesellschaft zur Verbreitung der Bibel im Ausland". Die beschenkte Gesellschaft konnte die Kirche pfandfrei übernehmen, indem die Gebrüder Simon die Kirchenbauschuld grosszügigerweise auf sich nahmen und auch die Schuldzinsen bezahlten. Im Übrigen wurden die kirchlichen Pflichten und die finanziellen Belange im Schenkungsakt im Detail geregelt. So war die Society verpflichtet, während der Frühjahrs- und der Kursaison für die Abhaltung eines regelmässigen Gottesdienstes "nach dem Ritus der Kirche von England" zu sorgen und den hiefür erforderlichen Geistlichen zu bestellen. Dieser englische Geistliche erhielt in einem der Hotels der Bade- und Kuranstalten Ragaz-Pfäfers (Hotel Hof oder Quellenhof) für sich und seine Frau freie Pension und ein Entgelt von einem Pfund pro Sonntag (damals zirka Fr. 25.--). Andererseits musste die Society den Bade- und Kuranstalten 10 Pfund pro Sonntag bezahlen, falls ein Gottesdienst mangels eines Geistlichen oder aus anderen Gründen ausfallen sollte. Kirchenopfer und anderweitige Schenkungen an die englische Kirche mussten für die Amortisation der Bauschuld aufgewendet werden.

Rechtsstreit um die Kirche
Eine grundbuchamtliche Fertigung der Schenkung vom 5. Februar 1910 an die Society fand aus unerklärlichen Gründen nie statt. Und so verblieb die Englische Kirche tatsächlich und grundbuchrechtlich im Eigentum der Gebrüder Fridolin, Bernhard und William Simon bzw. (später) deren Erben.

Als die Gebrüder Simon am 2. März 1912, rückwirkend auf den 1. Januar 1912, den gesamten Grundbesitz, bestehend aus Hotels und Bädern, Kursaal, Landwirtschaftsbetrieb, Ländereien und Wäldern, zum Preis von Fr. 3'325 000.-- an die neu gegründeten "Bad- und Kuranstalten Ragaz-Pfäfers AG" verkauften, wurde die Parzelle der Englischen Kirche ausdrücklich ausgeklammert. Trotz der vermeintlich klaren Rechtslage entbrannte 1966 um die Eigentumsrechte der Englischen Kirche ein Rechtsstreit.

Die neue Trägerschaft der in "Thermalbäder und Grandhotels Bad Ragaz AG" umbenannten Gesellschaft verlangte, als Eigentümerin im Grundbuchamt eingetragen zu werden. Der für die Prüfung des Begehrens zuständige kantonale Grundbuch-Inspektor stellte aufgrund der Aktenlage fest, dass die erwähnte "Society for the Propagation ot the Gospel in Foreign Parts" grundbuchrechtlich nie Eigentümerin der Liegenschaft "Englische Kirche" war und ferner, dass 1912 beim Verkauf des Gesamtkomplexes der Gebr. Simon an die Bad- und Kuranstalten AG die Englische Kirche ausdrücklich ausgeklammert worden war. Fazit: Die Gebrüder Simon, bzw. deren Erben sind immer noch Eigentümer der Parzelle Nr. 261 "Englische Kirche". 1969 hatte sich das Bezirksgericht Sargans mit der Eigentumsfrage zu befassen, indem die Thermalbäder und Grandhotels Bad Ragaz AG die Ersitzung der Englischen Kirche geltend machte. Doch zu einer gerichtlichen Entscheidung kam es nicht. In einem Vergleich anerkannte die Thermalbäder- und Grandhotels AG  das Eigentum der Erben der Gebrüder Simon an der Englischen Kirche.

Die Thermalbäder und Grandhotels Bad Ragaz AG hatte jedes Interesse, die Liegenschaft "Englische Kirche" rechtmässig zu erwerben, wohl zum Zwecke des Abbruchs. Das Gesamtkonzept der umfangreichen Erneuerung der Thermalbäder und Grandhotels sah an der Stelle der Englischen Kirche ein Kur- und Gemeindezentrum vor. 

Verkauf und Abbruch
Noch im selben Jahr 1969 erhielt das hiesige Grundbuchamt den Auftrag, den Kaufvertrag vorzubereiten. Für dieses galt es zunächst, die gesetzlichen Erben des Fridolin Simon-Wetter (+1935), des Bernhard Simon (1917) und des William Simon-Wolf (+1928) ausfindig zu machen. Die Suche erwies sich als schwierig und aufwändig, zumal die Erben in aller Welt verstreut waren und zum Teil als verschollen galten. Nach über zweijähriger Sucharbeit - den Grundbuchbeamten Robert Widrig und Jakob Kuratli sei Dank - konnte am 1. November 1971 der Erbgang grundbuchamtlich vollzogen werden. Jetzt endlich war das Eigentum der Erben Simon an der Englischen Kirche aktenkundig und somit der Weg frei für den Verkauf. Die Veräusserung der Parzelle "Englische Kirche" an die Thermalbäder und Grandhotels Bad Ragaz AG fand am 18. Februar 1972 statt.

Knapp drei Wochen später, am 7. März 1972, wurde die Englische Kirche dem Erdboden gleichgemacht. Die Konsternation in der Bevölkerung war gross und der Kurort Bad Ragaz  um ein einzigartiges Baudenkmal ärmer! Aus unerfindlichen Gründen fand der in Bad Ragaz erscheinende "Freie Oberländer" den Abriss der Englischen Kirche in jenen Tagen keiner Erwähnung wert. Erst im Jahresrückblick (Ausgabe vom 27. Dezember 1972) widmete der Lokalkorrespondent Anton Meyer der Englischen Kirche eine längere Abhandlung. Die Englische Kirche, wie erwähnt 1906 erbaut, wurde nur gerade 66 Jahre alt.

Als Gotteshaus wurde sie als Folge äusserer Widerwärtigkeiten nur kurze Zeit genutzt. Infolge der beiden Weltkriege 1914/18 und 1939/45 und der zwischenzeitlichen Krisenjahre kam der Gästestrom aus dem englischen Sprachraum (England und USA) zum Erliegen; die Englische Kirche verfiel in einen Dornröschenschlaf. Nur einmal noch sollte sie sakralen Zwecken dienen, allerdings für ein sehr trauriges, aufwühlendes Ereignis. Nach einem Raid im süddeutschen Raum auf dem Rückflug zu seiner Basis in Nordafrika überflog Ende September 1943 ein Verband so genannter "Fliegender Festungen " die Ostschweiz. Wegen Verletzung  des Luftraumes der neutralen Schweiz wurde eine Maschine über Bad Ragaz von der Schweizer Fliegerabwehr abgeschossen. Andere, schwer havarierte Bomber stürzten in der näheren und weiteren Umgebung (Toggenburg, Prättigau) brennend ab. Insgesamt kamen 14 amerikanische Flieger zu Tode. Sie alle wurden vom 1. bis 5. Oktober 1943 in der Englischen Kirche in Bad Ragaz aufgebahrt und am 5. Oktober 1943 auf dem hiesigen Friedhof beigesetzt. Später - nach dem Krieg - wurden die Leichen exhumiert und auf den zentralen Soldatenfriedhof in Münsingen bei Bern überführt.

Mit dem Rückbau, moderne und schonungsvolle Bezeichnung für Abbruch, der Englischen Kirche anfangs der Siebzigerjahre verschwand ein Zeitzeuge der so genannten Glanzzeiten vor dem ersten Weltkrieg des Kurortes Bad Ragaz aus dem Ortsbild. Schade.

Quelle
Ragazetta spezial 3 / Oktober 2006


Am 5. Oktober 1943 wurden 14 Besatzungsmitglieder der US-Army von der Englischen Kirche auf den Friedhof Bad Ragaz zu Grabe getragen:

Am 5. Oktober 1943 wurden 14 Besatzungsmitglieder der US-Army von der Englischen Kirche auf den Friedhof Bad Ragaz zu Grabe getragen.
 

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